Wieviele Gesichter hat eigentlich die Wahrheit? Das kommt ganz darauf an, wie man Wahrheit definiert.
Geht es um persönliche Empfindungen, Meinungen und Einschätzungen von Ereignissen, Entwicklungen und Entdeckungen, hat jeder seine eigene Wahrheit. Das ist auch gut so. Schließlich haben wir nicht nur den freien Willen im Betriebssystem Mensch vorinstalliert. Die Meinungsfreiheit ist, zumindest in demokratischen Systemen, sogar im allgemeinen Verhaltenkodex verankert. In Deutschland heisst das Grundgesetz.
Komplexer erscheint das Thema Wahrheit, wenn man versucht, die Dinge objektiv zu betrachten. Ein Thema, ein Ereignis auf die Darstellung des rohen, essentiellen Sachverhalts herunter gebrochen, scheint manchmal umso mehr Schwierigkeiten zu erzeugen, umso klarer die Dinge sind. Ein gutes Beispiel ist hier die Frage nach der physikalischen Beschaffenheit unserer Lebensraumes. Die Erde ist rund, keine Frage. Jedoch nicht für alle. Es gibt tatsächlich Leute auf diesem Planeten, die Mutter Erde nach wie vor für eine Scheibe halten (wollen). Da geben sich manche fundamentale Christen und orthodoxe Muslime (muss man sehen!) nicht viel.
Woher kommt bei manchen Menschen eigentlich dieses prinzipielle Dagegen? Vielleicht sind die Dinge manchmal einfach zu klar. So klar, dass man sie einfach nicht wahrhaben will, weil sie der persönlichen Wunschwelt oder dem individuellen Werteempfinden entgegen streben. Man hat’s ja auch nicht einfach in dieser komplexen Welt. Da kann man schon mal eine Scheibe bekommen. Nach der Freudschen Projektionstheorie liegt es dann nahe, dass man diese Scheibe auch in seiner Außenwelt erkennen möchte. Oder wie es Sigmund Freud bezeichnete: Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.
Freud hatte diese tiefenpsychologischen Erkenntnisse bekanntlich schon Anfang des 20. Jahrhunderts. In einer Zeit, in der es um Medien noch nicht besonders vielfältig oder gar multimedial bestellt war. Fotos gab es schon, laufen lernten Bilder jedoch erst später, was zu folgender Frage führt: Wenn die Projektion, also das Übertragen eines innerpsychischen Zustandes in die Außenwelt bzw. auf andere Menschen schon in einer Welt ohne große technische Beeinflussung funktionierte, wie sehr mag sie heute in Zeiten von TV, Photoshop, After Effects und Internet das zwischenmenschliche Leben beeinflussen?
Da kommen wir zum Phänomen namens Manipulation. Manipulation, diese kleine Schwester der Tyrannei, zieht sich wie der Wunsch nach Liebe durch die Geschichte der Lebensform Mensch seit ihrem Entstehen. Zumindest, wenn man der Bibel Glauben schenken mag, seit Eva den berühmt-berüchtigten Apfel auftischte. Ein Tusch für die Bibel, die Mutter aller Fantasy-Romane.
Zurück zur Wahrheit. Zur Erzeugung von Wahrheiten. Zu Erschaffung von dem, an das man glaubt. Auf manipulativer Basis betrachtet, zur Schöpfung dessen, an das andere Menschen glauben sollen. Oder auf neudeutsch, modern ausgedrückt, zur geheimnisvollen Welt des Fakes, der die Wahrheit so schön verwässert. Wie z.B. die Mär von der Vogel Strauss- Taktik, denn kein Strauss steckt in Wahrheit seinen Kopf in den Sand.
Wenn man sich vor Augen hält, was seit Freuds Entdeckung der Projektion hinsichtlich Lügen, die als Wahrheit verkauft werden, alles passiert ist, können einem schon mal die Synapsen auf der Nase herum tanzen. Man kann niemandem wirklich einen Vorwurf machen, der nicht mehr weiss, was er glauben soll, der in den Medien nicht mehr recht zwischen Fakes und Wahrheiten unterscheiden kann. Dafür sorgen schon alleine technische Perfektionierungsmöglichkeiten, aber auch das scheininformative Set-Up der letzten Jahrzehnte.
Kurz nach Freud begann es mit der berühmten Landung Außerirdischer in der amerikanischen Provinz. Im Radio übertragen stand ganz Amerika Kopf und wusste weder ein noch aus. Ein genialer satirischer Schachzug von Orson Welles, sozusagen der rundfunktechnische Ur-Fake. Er hatte eine solche nachhaltige Wirkung, dass manche Menschen, die am 11.09.2001 Radio hörten, auch zuerst dachten, sie hören ein krasses Hörspiel, als sie vom einstürzenden World Trade-Center hörten. Unter anderem ich.
Nach der gefakten Landung Außerirdischer landeten bezeichnenderweise zwei sonderbare Gestalten namens Joseph Goebbels und Adolf Hitler an den Mikrophonen der Volksempfänger. Niemand weiss, von welchem Planeten sie stammten. Sie verstanden es jedoch ausgezeichnet, die manipulative Kraft des Fakes hinsichtlich der mangelnden Wahrnehmungssicherheit vieler Menschen auf zweifelhafte Weise auszunutzen. Jeder weiss, was daraus entstand. Niemand sollte es vergessen.
Danach wurde es etwas ruhiger um mediale Fakes. Wen wundert’s!? Im Zuge der Flowerpower-Bewegung erstrahlte der Fake dann jedoch zu neuer, auf links gedrehter Blüte, als Leute wie Hunter S. Thompson und die Beatniks die Medien mit Gonzo-Journalismus und anderen schrägen Texten & Filmen zwischen Schein und Wirklichkeit bereicherten. Klassische Fakes waren das nicht, aber sie führten dazu, dass reale Ereignisse plötzlich von vielen Leuten als Fake betrachtet wurden. Die Legende von der gefakten Mondlandung hält sich beispielsweise bis heute. Die Frage, warum die US-Flagge weht, wo es doch auf dem Mond gar kein Wind gibt, scheint durchaus berechtigt. Allerdings könnten die Leute von der NASA auch einfach diesen Umstand bedacht haben, so dass auf dem Mond eine präparierte Fahne steht, die einfach nur so aussieht, als ob sie weht (>> Knitterlook). Schließlich will niemand eine Fahne sehen, die einfach so herunter hängt.
In den 80ern schien dann die Zeit für eines der größten Husarenstücke in Sachen Fake jemals gekommen: In seinem stillen Kämmerlein verbrachte ein schwäbischer Maler namens Konrad Kujau viel Zeit damit, Adolf Hitler sonderbare Worte in den Mund zu legen. Die Hitler-Tagebücher waren geboren. Als sich heraus stellte, dass es sich um Fälschungen handelt, war das Geschrei groß. Nicht auszudenken, wie sich die Welt entwickelt hätte, wenn dieser Fake nicht aufgedeckt worden wäre. Was würden wir heute glauben? Was würden wir heute über Adolf Hitler denken? Spätestens, wenn das Bernsteinzimmer entdeckt wird, werden wir es wissen. Dort befinden sich neben all dem sagenumwobenem Geschmeide bestimmt auch die echten Hitler-Tagebücher. Jaja.
Nach den Hitler-Tagebüchern war es schwer, in Sachen Fake noch einen drauf setzen. Allerdings schreiten die BILD und andere Vertreter der Yellow-Press so laut nach einer Verballhornung, dass Anfang der 90er Jahre der Phantasiejournalist Joachim Steinkamp mit seinen kreativen Kollegen ein Einsehen hatte und die unvergessliche Neue Spezial auf den Printmarkt brachte. Endlich gab es Schlagzeilen und Artikel, die man so gerne glauben wollte und doch nicht durfte. Menschen, die sich selbst heirateten; Flugplätze, auf denen nur gelandet, aber nicht gestartet werden durfte; Männer, die den Orgasmus vortäuschen. Die Stories waren teilweise so absurd, dass sie fast schon wieder echt gewesen sein könnten. Vor allem aus heutiger Perspektive, wo diese Welt noch viel verrückter scheint als man sie jemals mittels Fake hätte beschreiben können.
Ein weiteres Fake-Highlight folgte Mitte der 90er: Ein Journalist namens Michael Born trommelte seine Kumpels zusammen, gab ihnen Fackeln, seltsame Gewänder und schwarze Hüte und ließ sie nachts über einen Acker tanzen. Das Ganze filmte er und verkaufte es als Exklusiv-Story über den Ku-Klux-Klan an Stern TV. Wieder war das Geschrei groß. Zuerst in Form von Jubel über die investigative, journalistische Klasse dieses mutigen Journalisten. Später, als es heraus kam, weil alles irgendwann heraus kommt, als wildes Empörungsgeschrei. Wie konnte er nur dieses ernste Thema verhohnepiepeln und diese angesehene TV-Sendung Stern TV in einem derart falschen Licht erscheinen lassen? Wie konnte er nur? Naja, er konnte, weil’s er konnte.
Was Born kann, kann ich aber auch, dachte sich dann im ersten Jahrzehnt unseres neuen Jahrtausends ein anderer Journalist namens Tom Kummer. Also besuchte er bekannte Künstler und andere Prominente und machte spannende Interviews mit ihnen. Besser gesagt, er schrieb, was ihm in den Sinn kam, denn eigentlich war er nie bei den Promis, geschweige denn hat mit ihnen gesprochen. Auch daraus entstand dann der Begriff des Boderline-Journalismus, bei dem die Fiktion als Wirklichkeit verkauft wird. Also ungefähr so, wie es die BILD und andere Yellow-Press-Organe schon seit langem machen. Nichts wirklich neues, aber in neuer Garderobe bzw. mit neuem Aufhänger sehr effektiv. Der Leser bzw. Zuschauer ist ja gerne auch mal gutgläubig. Hauptsache, eine Geschichte gefällt ihm. Deshalb hat Mark Zuckerberg wahrscheinlich auch den Gefällt-mir-Button geklaut.
Heute, in den sog. 10er-Jahren ist der Fake endgültig in der breiten Masse bzw. bei Hempels AUF dem Sofa angekommen. Millionen von Menschen ergötzen sich allnachmittäglich an Scripted-Reality-Formaten wie Betrugsfälle und Mitten im Leben. Rein erfundene Geschichten über zwischenmenschliche Emotionsfeuerwerke aus Eifersucht, Gier, Hass & Enttäuschung. Ob die vielen Couch Potatoes wissen, dass die Stories gefaked sind, vermag ich nicht zu sagen. Wahrscheinlich ist es ihnen egal. Hauptsache, sie fühlen sich gut unterhalten. Also hat der Fake auch etwas Gutes? Zumindest für den Kontostand der Produzenten. Wie es um deren Karmastand bestellt ist, vermag ich auch nicht zu sagen. Zumindest habe ich es in den späten 90ern nicht lange ausgehalten, Talkshows zu verarschen als ich mitbekommen habe, dass viele Zuschauer die Sendungen für echt hielten. Ab diesem Zeitpunkt habe ich begonnen, an dem zu zweifeln, was ich da fabriziere.
3 Monate später, nachdem ich aus der Produktionsfirma ausgestiegen bin, fand ich mich in Bangkok wieder. Dort war das TV-Programm auch nicht besser, im Gegenteil, aber die Thai-Currys und Cocktails. Und vor allem waren sie echt., was mich dazu veranlasste, noch einige Jahre über das alles in aller Ruhe nachzudenken. So eine Defragmentierung der eigenen Psyche tut nämlich gut. Auch sich selbst in Frage zu stellen. Auch wenn das nicht immer einfach ist und manchmal sogar weh tut. Man fühlt sich anschließend einfach besser, kompletter, ganzer. Kann ich nur empfehlen. Denn Schein oder Nichtschein, das ist hier die Frage.
Bleibt die Frage, wie geht es in der Welt der Fakes nun weiter!? Was kommt nach Orson Welles, Konrad Kujau, Michael Born und Scripted Reality?
Nach Berthold Brechts Radiotheorie gibt es auf medialer, kommunikativer Ebene gar keinen Unterschied zwischen Sender und Empfänger. Jeder ist Sender, jeder ist Empfänger, im Rahmen eines ständigen Austauschs von Informationen, auf bewusster und unbewusster Basis. Demnach ist auch jeder Opfer und Täter zugleich, was Manipulation betrifft. Und seien wir doch mal ehrlich: Wer hat nicht schon einmal irgendwas oder irgendwen manipuliert. Die Projektion lässt grüßen. From Face 2 Face. From Fake 2 Fake. Aber ist doch auch halb so wild, wenn man sich der Sache bewusst ist. Dann kann man auch verantwortungsvoll damit umgehen oder es zumindest versuchen. Der Gedanke zählt. Er ist schließlich frei.
Der Publizist Hans Magnus Enzenberger hat in seinem Medienbaukasten 1970 eine bemerkenswerte These aufgestellt: Die Frage ist nicht, ob die Medien manipuliert werden oder nicht, sondern wer sie manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen.
Genau darum geht es. Denn Manipulation ist menschlich. Schon seit Urzeiten. Siehe Evas Apfel. Es geht nicht darum, Manipulation zu verteufeln oder zu verhindern. Wer Manipulation abschaffen will, muss den Menschen abschaffen. Was hätte man davon? Es könnte einen ja niemand mehr beglückwünschen zu dieser ach-so-hehren Aktion.
Jeder manipuliert, jeder wird manipuliert. Wir befinden uns in einer stetigen, globalen Manipulationsblase, die sich immer wieder selbst erneuert, an neuen Fakes nährt, auch wenn eine Blase in der Blase platzt, wie jüngst die Immobilienblase. Wer den Fake als legitimes, zwischenmenschliches Stilmittel anerkennt, für den verliert er vielleicht seinen Schrecken. Denn auf spielerischer Ebene ist die Täuschung ja schon längst ein anerkanntes Verhaltenstool. Kein guter Flirt ohne Augenzwinkern. Kein gutes Pokerspiel ohne einen gekonnten Bluff. Kein Dribbling über die Außenbahn von Lionel Messi ohne wirkungsvolles Täuschungsmanöver.
Dennoch muss es auch ein Gegengewicht geben, sonst gerät die Welt völlig aus den Fugen. Ehrlichkeit und Authentizität sind nicht umsonst angesehene charakterliche und kommunikative Güter zwischen Sender und Empfänger. Zu Recht. Denn wo kämen wir hin, wenn jeder nur noch faked. Vielleicht ein Programm weiter im nachmittäglichen TV-Programm. Wem das reicht, bitte schön. Der sollte allerdings auch ab und zu unters Sofa schauen. Der Dreck räumt sich nicht von alleine weg und auch der Schein hat viele Gesichter. Von der Süffisanz im Augenzwinkern der Satire bis hin zur kalten Fratze der Gier.